Traceys Selbstmordgedanken

Tracey war psychisch gestört. Wir alle wussten das. Nicht erst seit kurzem. Wir hatten das bereits in der 5. Klasse verstanden. Gut, wir hatten es nicht wirklich verstanden. Wir konnten ihr Verhalten selten nachvollziehen. Tracey war ein Kind reicher Eltern. Sie trug nur die besten Klamotten, besaß ein Pferd und zeigte gerne, was sie hatte. Einmal hing ihr eine lange Kette um den Hals. Der Anhänger war ein mit vielen Glitzersteinen besetzter VW-Bus. Als ich fragte, wie viel er gekostet hatte, lachte sie. 300 Euro. 300 Euro? Für eine Kette? Das Geld nicht alles ist, war mir klar. Sie tat mir eher leid, als dass ich sie beneidete. Ich hätte an ihrer Stelle gelogen. Ich hätte einen niedrigeren Preis genannt, einfach, weil ich mich geschämt hätte, so etwas teures als selbstverständlich anzusehen. Wer weiß, vielleicht hat sie ja sogar gelogen. Vielleicht war die Kette gar nicht teuer gewesen. Sie wollte Anerkennung und Aufmerksamkeit. Je älter sie wurde, desto mehr brauchte sie davon. Deshalb verdrängte sie auch die Tatsache, dass all ihre Freundinnen sie schamlos ausnutzten. Sie gingen mit ihr in die Stadt und ließen sich beschenken. Als Traceys Eltern das mitbekamen, gab es zuhause natürlich Ärger. Ihre sogenannten Freundinnen reagierten daraufhin mit der Drohung, nicht mehr mit ihr befreundet sein zu wollen, wenn sie ihr keine Klamotten mehr kaufe. Tracey war sehr groß. Sie lief etwas seltsam, weil ihr linkes Bein länger war als ihr rechtes. Sie hatte eine übertriebene, quitschige und laute Lache. Sie war einfach immer ein bisschen drüber. Ihre Figur war perfekt, sie hatte schöne dunkelblonde Haare und himmelblaue Augen. Aber man sah in ihrem Gesicht, dass sie nicht komplett normal war. Sie war nicht behindert oder so. Aber sie war anders. Und das wurde immer anstrengender. Sie kam eines Tages nicht mehr zum Unterricht. Tage, Wochen, Monate. Ein halbes Jahr später kündigte unser Lehrer uns an, sie würde wiederkommen und uns ihre Geschichte erzählen. Wir hatten uns natürlich trotzdem Sorgen gemacht. Auch wenn sie uns nervte, sie war ein Teil unserer Klasse. Aber als sie dann wiederkam, wurde sie nur noch anstrengender. Wir saßen alle gemeinsam in einem Stuhlkreis und hörten ihr zu. "Hi Leute!" sagte sie. Sie grinste, schien die Aufmerksamkeit zu genießen. "Also, wie Herr Neuer euch ja schon gesagt hat, war ich in einer Psychiatrie. Ihr wisst ja was das ist, oder?" wieder lachte sie. Stille. Natürlich wussten wir, was eine Psychiatrie war. Wir waren in der 8 Klasse, es gab vieles was wir nicht wussten... Aber das gehörte nicht dazu. "Jaaaa, jedenfalls war ich da, weil ich mich halt umbringen wollte...Und weil es mir halt momentan nicht so gut geht, würde ich euch bitten, vielleicht etwas netter zu mir zu sein." Unsere Jungs hatten immer mit ihr Streit angefangen. Sie ließ sich immer darauf ein, und es gab immer und immer wieder Stress. Das hatte jeden genervt. Und es war ein unlösbares Problem gewesen. Jedoch glaubte ich nicht daran, dass die Jungs Mitleid mit ihr haben würden. Es würde nur noch schlimmer werden. An sich war das alles ja eine furchtbare Sache. Aber keiner von uns hatte die Geduld, die man für sie brauchte. Selbst Tanja, das netteste Mädchen dass ich kenne, verdrehte immer mal wieder die Augen. Tracey erwähnte mehrmals täglich, wie schlecht es ihr ja ging und dass sie in der Psychiatrie war und dass sie sich auch dort umbringen wollte. An einem Tag, erzählte sie, sei sie weggelaufen. Sie wäre auf die Straße gerannt und wollte sich überfahren lassen. Ich versuchte, sie zu meiden, damit ich nichts falsches sagte. Wie bereits erwähnt, mir fehlte die Geduld. Sie versuchte nicht im geringsten, dezent zu sein. Sie provozierte die Aufmerksamkeit durchgehend. Wenn irgendwas nicht so lief, wie sie es wollte, schrie sie: "WOLLT IHR DASS ICH MICH UMBRINGE?" oder ähnliches. Das ging Monate so. Ihr Arm war komplett verritzt. Allerdings nicht an Stellen, an denen es gefährlich war. Ritzen. Ein Thema, auf dass ich schon immer sehr empfindlich reagiert hatte. Der halbe Jahrgang ritzte sich. Allerdings nur die Mädchen, was ich interessant fand. Und nachdem sie sich geritzt hatten, zeigten sie es den Leuten. Sie versuchten nicht einmal, es zu verdecken. Vor allem Tracey nicht. Und als sie wieder einmal durch die Gegend schrie, sie wolle sich ja umbringen und wir seien dann Schuld daran, platzte mir der Kragen. Als sie den Raum verlassen hatte, rutschten mir die Worte raus, die ich bis heute bereue. "Soll sie sich doch umbringen. Interessiert keinen" ...Ja, ich weiß. Das ist richtig mies. Noch mieser war jedoch, dass eine Klassenkameradin das gehört hatte. Sie verriet es Tracey und all meinen Klassenkameraden. Tracey verriet es meinem Lehrer. Ich schämte mich so sehr, dass ich behauptete, es nie gesagt zu haben. Lügen ist auch nicht wirklich toll, das weiß ich. Aber gerade weil mir klar war, dass ich etwas wirklich bösartiges und falsches gesagt hatte, wollte ich nicht, dass sie das glaubte. Ich schwor ihr, ich hätte nichts gesagt. Aber mal ganz ehrlich: Wie dämlich muss man sein, so etwas weiter zu erzählen? Wie kann man zu einem psychisch labilen Mädchen gehen und sagen: "Rose hat gesagt, ihr ist es egal, wenn du tot bist." Wenn diese Person wirklich auf Traceys Seite gewesen wäre, hätte sie ihr das nicht gesagt. Man hätte ihr diesen emotionalen Stich ersparen können. Ich hätte das nicht sagen dürfen, klar. Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass die Person, die mich "verraten" hat, zu mir hätte kommen sollen. Sie hätte mir sagen können, dass das, was ich gesagt habe, scheiße war. Sie hätte fragen können, ob ich das wirklich denke. Sie hätte sagen können, dass ich denken soll bevor ich spreche. Sie hätte so vieles sagen können. Stattdessen erzählt sie es herum. Mein Lehrer hatte so etwas nie von mir erwartet. Noch ein Grund, zu lügen. Ich sagte, sie sollen ihm sagen, dass sie sich vertan hatten. Das taten sie dann auch. Sie widerriefen ihre "Aussage". Alles war wieder ok. Ich habe daraus gelernt. Ich habe mich seit diesem Tag viel besser unter Kontrolle. Aus Fehlern lernt man. Und es tut mir verdammt leid, sie so verletzt zu haben. Wenn man wütend ist, sagt man Dinge die man nicht so meint. Tracey nervte mich zwar weiterhin extrem... Aber ich war ausgesprochen nett zu ihr. In meinen Augen sollten sich auch die Erwachsenen Gedanken machen. Wir hatten unserem Lehrer schließlich sogar klipp und klar gesagt, dass Tracey uns überforderte und wir keine Lust hatten, sie wie eine Prinzessin zu behandeln. Er meinte nur, er würde uns verstehen, doch wir müssten da jetzt durch. Sie würde nach dem Jahr so oder so wiederholen müssen, da sie ein halbes Jahr verpasst hatte. Unsere Jungs waren im Nachhinein wirklich gemein. So gemein, dass sogar ich sie in Schutz nahm. Sie sagten, sie solle nicht zu unserer Abschlussfeier kommen,weil sie nicht mehr zur Klasse gehöre, da sie ja jetzt eine Klassenstufe unter uns war. Ich versuchte letztendlich, alles wieder hinzubiegen. Für den Moment schien auch alles wieder ok zu sein. Wir hatten eine schöne Abschlussfeier. Alle gemeinsam. Nach den Sommerferien erfuhren die wenigen, die noch da geblieben waren, dass Tracey vorerst nicht wiederholte. Sie war wieder in der Psychiatrie, hatte wieder versucht sich umzubringen. Als ich sie in einem Einkaufszentrum wiedersah, begrüßte ich sie mit einer Umarmung. "Wie geht es dir? Besser?" fragte ich. "Naja, jetzt in den Ferien darf ich noch hier sein. Danach bringen sie mich nach Bayern, in eine Klinik." "Oh." Mit der Antwort hatte ich nicht gerechnet. "Das tut mir leid..." "Schon ok. Das muss sein, damit es mir besser geht." Ich wünschte ihr gute Besserung. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Das war letztes Jahr. Sie postet Bilder in Facebook. In ihrem Profil steht, sie habe einen Freund. Ich weiß nicht, ob sie sich endlich gefangen hat. Was bleiben wird sind die etlichen Narben auf ihrem Arm. Egal wie alt sie ist, die werden immer da sein und sie an all das schlechte erinnern, dass sie durchlebt hat. Deshalb glaube ich, dass Ritzen das schlimmste ist, was sie tun konnte. Sie wird immer diese Narben haben. Sie wird nie ganz loslassen können, und falls doch, nur schwer. Sie wird Fragen beantworten müssen, wenn jemand die Narben sieht. Ich hoffe einfach, dass sie Menschen findet oder schon gefunden hat, die geduldiger mit ihr sind als wir damals.

11.11.14 21:37

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(11.11.14 22:45)
Ja, die Narben werden immer da sein, und es wird sie noch oft genug quälen. Vielleicht war sich selbst zu verletzen das schlimmste, was sie tun konnte, vielleicht aber auch das einzige...

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